Die Vorbereitung der Schüler beginnt bereits ein Jahr, bevor sie das eigentliche Praktikum antreten. Wenn die Eindrücke der Praktikanten noch frisch sind, einerseits die -fast enthusiastische- Begeisterung noch Wellen schlägt, andererseits bereits ein reflektierender Abstand (auch durch die Beschäftigung mit ihrem Praktikumsbericht) eingetreten ist, nehme ich sie (bzw. einen Teil von ihnen) mit in den Folgekurs 9 SW. Dort ist dieser Besuch bereits angekündigt und erste persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit Behinderten sind ausgetauscht worden. Durch die Begegnung mit den Mitschülern, die das Praktikum "überstanden" haben, können mancherlei Ängste, Vorbehalte und Bedenken gemindert werden.Spendenübergabe.
Kurz vor Beginn des Praktikums beschäftigen sich die Schüler
mit Auszügen von Berichten ihrer Vorgänger. Dies soll dazu dienen,
ihnen Ängste zu nehmen. Im zehnten Jahrgang erfolgt schließlich
eine unterrichtliche Beschäftigung mit der Behindertenproblematik
in unserer Gesellschaft (Integration, Chancen, rechtliche und politische
Aspekte, BSHG etc.), was hier nicht im einzelnen ausgeführt werden
soll. Der zeitliche Umfang beträgt etwa 8 - 10 Unterrichtsstunden.
Bei den vorbereitenden Gesprächen ist häufig festzustellen,
dass frühere Besuche dieser oder ähnlicher Einrichtung/en sich
als kontraproduktiv erweisen. Meistens erfolgen solche Besuche in wohlmeinender
Absicht im Katechumenen- oder Konfirmantenunterricht. Die jeweiligen Pfarrer
wollen den Jugendlichen eine große diakonische Einrichtung zeigen.
Meiner Meinung nach sollte man davon Abstand nehmen, denn Schüler/innen
dieses Alters befinden sich in ihrer ersten großen Lebenskrise, der
Pubertät. Die Pubertät ist gekennzeichnet durch einen Prozess
der seelischen und sozialen Selbstfindung, dem eine tiefe Identitätskrise
zugrunde liegt. In dieser Lebensphase stellt eine - erstmalige - Begegnung
mit mehr oder weniger schwer geistig behinderten Menschen die Identität
vieler Jugendlicher zusätzlich in Frage, was zu einer erheblichen
Verunsicherung oder Ängsten führt und worauf die Jugendlichen
häufig mit Abwehrmechanismen reagieren. Die Kürze und Form der
Besuche lassen kaum die Möglichkeit einer angemessenen Verarbeitung
der Eindrücke zu. Es ist in der Psychologie und auch in der Pädago-gik
allgemein bekannt, dass Jugendliche in der Pubertät mehr als alle
anderen Altersgruppen zu Vorurteilen neigen. Durch solche Besuche können
sie noch verstärkt werden, wie es sich mir immer wieder in den vorbereitenden
Gesprächen mit den Schülern zeigt, die mir ihre Ängste und
ihre Unbehaglichkeit vermitteln (wobei solche Ängste auch von zu Hause
genährt sein können). Viele Schüler reagieren auch mit abfälligen
oder flapsigen Bemerkungen auf diese Verunsich-rung und überspielen
so ihre Ängste, zeigen sich ihren Mitschülern gegenüber
als "stark".
Es soll sogar Schüler/innen geben, die das Fach "Sozialwissenschaften"
in Klasse 9 und 10 aus dem Grund nicht wählen, weil sie verpflichtet
werden, an dem Praktikum teilzunehmen. Viele können es sich nicht
oder kaum vorstellen, dass es Spaß machen kann, auf dem Wittekindshof
zu "arbeiten".
Dem Wittekindshof ist diese Problematik bekannt, er steht aber auch
in dem Dilemma, für die Öffentlichkeit offen zu sein und den
Kontakt gerade eben auch mit den Kirchengemeinden und den Pfarrern zu pflegen.
Er hat daher diese Besuche von Konfirmandengruppen, Altenkreisen u.Ä.
inzwischen so modifiziert, dass der Kontakt zu den Behinderten sich vorsichtig
in Grenzen hält und keine Berührung mit Bereichen der Schwerstbehinderung
stattfindet.
Dass es manchmal an der nötigen Sensibilität bei den Betreuern
solcher Besuche fehlt, macht folgendes - sicher nicht für alle Pfarrer
typisches - Beispiel deutlich, das mir von einem Mitarbeiter berichtet
wurde: "Zeigen Sie meinen Konfirmanten ruhig einmal ein paar richtig harte
Fälle, damit die mal richtig geschockt sind". Ein Besuch auf dem Wittekindshof
eignet sich wohl nicht als pädagogische Disziplinierungsmaßnahme.
2. DAS PRAKTIKUM
Der Wittekindshof in Bad Oyenhausen/Volmerdingsen ermöglicht es,
dass die Schüler/innen Arbeits- und Sozialsituationen dieser Einrichtung
kennen lernen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten an einfache Arbeitsvollzüge
in berufstypischen Tätigkeiten herangeführt werden. Praktisch
sieht dies so aus, dass sie verschiedenen sozialpädagogischen und
therapeutischen Arbeitsbereichen (z.B. Schülerdorf (Internatsbereich),
Physiotherapie, Pflegeheime, Schulen für Geistigbehinderte, Behindertenwerkstätten,
Wohnheime) zugeteilt werden und Behinderte und Mitarbeiter in ihrem Tagesablauf
begleiten.
Dabei kommen sie mit allen Arten und Stufen geistiger und körperlicher
Behind-rung in Kontakt. Die meisten Schüler sind zunächst ziemlich
schockiert über das Ausmaß und die Erscheinungsformen dieser
Behind-rungen. Sie "hätten nicht geglaubt, dass es so etwas gibt"
(Zitat einer Schülerin). Umgang haben sie mit allen Altersstufen vom
Säugling bis zum alten Menschen.
Nachdem sich der erste Schock gelegt hat, gewöhnen sie sich mehr
und mehr an die fremde Situation. Ist am Montagabend die Gemütslage
noch etwas gedrückt, so weicht diese Stimmung bei den meisten im Laufe
des folgenden Tages mehr und mehr einer Begeisterung für ihre Tätigkeit.
Am Ende der Woche wird zumeist bedauert, dass das Praktikum nun schon zu
Ende ist, wo man sich doch jetzt gerade richtig eingelebt habe. Im Laufe
der Woche ist den Schülern mehr und mehr auch ein gewisser Stolz über
ihre Leistungen anzumerken, wenn sie z.B. berichten, was ihnen bereits
für selbstständige Aufgaben übertragen wurden. Am Ende des
Aufenthaltes haben sie das Gefühl, etwas geleistet und sich bewährt
zu haben, was man als eine Stärkung des Selbstwertgefühls bezeichnen
kann. Schüler/innen, die die Schule bereits seit geraumer Zeit verlassen
haben, erkundigen sich bei Treffen immer wieder mal nach dem Praktikum
(ob man wieder dort gewesen sei, ob es noch gemacht werde, es sei "toll"
gewesen, man würde am liebsten noch mal mitfahren...).
Wesentlicher Unterschied zu den kurzen Besuchen oder Besichtigungen einer solchen oder ähnlichen Einrichtung ist, dass unsere Schüler während einer ganzen Woche (von Montag bis Freitag) völlig in die Einrichtung integriert werden. Obwohl der Zeitraum von einer Woche ebenfalls nur einen kleinen Einblick gewähren kann, entfällt der so genannte "Zoobesuch-Effekt" und es werden ganzheitliche Erfahrungen gemacht, die nicht selten zu Einstellungsveränderungen geführt oder Berufswahlentscheidungen beeinflusst haben. Bisweilen ist es erstaunlich, welche Qualitäten und Fähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern, die während des Praktikums -vor allem zu Beginn- unter einer starken psychischen Anspannung stehen, zum Vorschein kommen.
Insgesamt führt das Praktikum bei fast allen Schülern dazu,
dass die Einstellung geistig Behinderten gegenüber offener wird, toleranter
und verständnisvoller. Hemmschwellen, Berührungsängste werden
abgebaut, wenn auch nicht immer alles problemlos verläuft; auch Tränen
hat es schon gegeben (siehe die Ausführungen: "Problemsituationen").
Manche Schüler machen die Erfahrung, dass Kommunikation sogar mit
Menschen möglich ist, die praktisch über keinerlei intellektuelle
Fähigkeiten mehr verfügen, d.h. dass Lebensäußerungen
aus mehr bestehen, als aus sprachlichen Äußerungen, dass Freude
und Leid, sich Wohl- und Geborgenfühlen nicht unbedingt an geistige
Fähigkeiten gekoppelt sein müssen. Auch machen sie die Erfahrung,
dass Lebensqualität, Glück und Zufriedenheit nicht an materielle
Dinge gebunden sein müssen, was sie außerordentlich beeindruckt.
Alles in allem kann man sagen, dass die Schüler und Schülerinnen
in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit sensibilisiert werden. Aus ihren Erfahrungen
heraus relativiert sich für die Schüler eine wie auch immer geartete
Euthanasiediskussion erheblich, was für die Behandlung dieser Fragestellung
im Religions- oder Politikunterricht nutzbar gemacht werden kann. Entsprechende
Forderungen werden in anschließenden Diskussionen praktisch immer
abgelehnt.
Im Verlauf des Praktikums macht das anfängliche Mitleid mit den
zunächst "schrecklichen Fällen" der schwerstmehrfach Behinderten
-wobei ich einmal unter-stelle, dass es sich dabei eher um Mitleid mit
sich selbst handelt- durch den konkreten Umgang mehr und mehr einer kommunikativen
Situation Platz, d.h. es ist selbstverständlich, dass man dem Behinderten
Hilfestellung leistet. Ohne das be-rühmte "Helfersyndrom" ("man muss
diesen armen Menschen doch helfen"), leisten sie den Behinderten Hilfestellung
bei den verschiedenen Verrichtungen des Lebens: Das Verhältnis der
Schüler zu den Behinderten normalisiert sich gewisser-maßen
im Laufe dieser Woche.
Ein interessanter Aspekt ist das geschlechterspezifische Verhalten der Schüler/innen auf dem Wittekindshof. Im Laufe der Jahre konnte ich beobachten, dass Mädchen weit weniger Probleme haben, auf die Behinderten zuzugehen. Sie passten sich der jeweiligen Situation wesentlich schneller an und wirkten bereits nach kurzer Zeit entschieden unverkrampfter und selbstständiger als ihre männlichen Mitschüler. Als Ursache vermute ich einerseits die Erziehung (Stichworte: Rollenverhalten, typische Berufe für Mädchen: sozial, pflegerisch, Mädchen sind kommunikativer; Jungen: reden nicht über Gefühle, Hinwendung zu Technik etc.) andererseits die Tatsache, dass Mädchen dieses Alters bereits einen höheren Grad an Reife erreicht haben.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Aufenthaltes auf dem Wittekindshof sind Befragungs- und Gesprächsrunden mit verschiedenen Mitarbeitern. Einen festen Platz im Programm haben der Kurzvortrag eines Arztes/Psychiaters über die Ursachen, Formen und Folgen einer geistigen Behinderung mit anschließender Dis-kussion und Befragungsmöglichkeit, ein offener Gesprächskreis mit einem Mitarbeitervertreter und Psychologen, sowie eine Informationsveranstaltung der Schulleitung der Sonderschulen. Ebenfalls fester Bestandteil ist der Gottesdienst in der sog. Kinderheimat, der bei den Schülern bisher auf gute Resonanz gestoßen ist, da er ganz anders als ein gewohnter Gottesdienst geartet ist. Seit 1994 findet im Anschluss hieran noch ein Austausch statt zwischen den Schülern und dem den Gottesdienst vorbereitenden Team der Kinderheimat.
3 ÜBERNACHTUNG:
Die Schüler übernachten nicht auf dem Wittekindshof direkt,
sondern im Jugendheim Lutternsche Egge. Dies ist notwendig erstens aus
organisatorischen Gründen: Es ist nicht möglich, dass die Schüler
jeden Abend nach Hause fahren können. Die Entfernung nach Espelkamp
ist zu groß und finanziell wäre es ebenfalls nicht tragbar.
Auch ist es den Eltern nicht zuzumuten, ihre Kinder etwa jeden Abend abzuholen.
Zweitens ist es auch gar nicht erwünscht. Das Zusammensein in
der Gruppe am Abend führt dazu, dass sich Schüler und Lehrer
austauschen können. Die Schüler sind so beeindruckt von ihren
Erlebnissen und Erfahrungen vom Tage, dass sie einfach Gesprächspartner
benötigen, die über ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen
verfügen, d.h. Gesprächspartner, die ihnen das notwendige Verständnis
entgegenbringen können. Für die begleitenden Lehrer (es sollten
immer eine männliche und eine weibliche Lehrkraft sein) ergibt sich
nur so die Möglichkeit, sie beobachten zu können, sie zu ermutigen,
zu trösten, anzuspornen, beruhigen oder zu bestärken, Zweifel
zu beseitigen. Nur durch das ständige Zusammensein kann vermieden
werden, dass z.B. ein Schüler überfordert wird, die Situation
psychisch nicht verkraftet. Dies bedeutet, dass die Lehrer sehr genau und
mit viel Einfühlungsvermögen beobachten müssen, ob sich
bei Schülern Verhaltensänderungen zeigen, die auf eine Überforderung
hindeuten. In der Vergangenheit war dies bei einzelnen Schülern tatsächlich
der Fall. Ein Wechsel des jeweiligen Einsatzortes führte immer zu
guten Ergebnissen.
Nicht nur ein informeller Gedankenaustausch findet statt, sondern allabendlich
trifft sich der ganze Kurs nach dem Abendessen zu einem formellen Gespräch-keis,
der jedoch nicht länger als 15 - 20 Minuten dauert und der eine erste
Möglichkeit ist, die allgemeine emotionale Atmosphäre zu ermitteln.
In diesem Gesprächskreis kommen auch schon mal persönliche Differenzen
zwischen einzelnen Schülern zur Sprache, die so meist ausgeräumt
werden können.
4 PRAKTIKUMSBERICHT
Ein weiteres wesentliches Element des Praktikums sind die Berichte, die die Schüler über ihren Aufenthalt nach genau vorgegebenen Kriterien abfassen sollen und die verschiedene Aufgabenstellungen beinhalten. Beurteilt werden sie grundsätzlich wie die Berichte des Berufspraktikums, jedoch ohne die für das Fach Deutsch typischen Kriterien. Wichtig ist hier neben der Form die Vollständigkeit und der Grad der Reflexion. Der Bericht gilt als Kursarbeit. Die Berichte stellen zugleich die Grundlage für eine Evaluierung dar. In Zukunft sollen vermehrt Anregungen gegeben werden, sich reflektierend mit den speziellen Problematiken des Wittekindshofes auseinanderzusetzen (Heimcharakter vs. Integration von Behinderten in die Gesellschaft o.a.).
5 KOSTEN:
Die Kosten für den Aufenthalt im Jugendheim Lutternschen Egge (Frühstück,
Abendessen, Übernachtung) und das Mittagessen auf dem Wittekindshof
belaufen sich insgesamt pro Schüler/in auf etwa DM 120,--. Anfahrt:
In den letzten Jahren ist es gelungen, Fahrgemeinschaften zu bilden, d.h.
Eltern haben sich bereitgefunden, mehrere der Schüler hinzubringen
und abzuholen. Dadurch werden -zumindest scheinbar- Kosten gespart. Man
kann jedoch nicht davon ausgehen, dass das immer gelingt. Dann kämen
für die Schüler noch die Fahrkosten hinzu. Das Anmieten eines
Busses würde etwa 250 - 300 DM ausmachen.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Schüler auf dem Wittekindshof
eine außerordentliche Leistung erbringen, erscheint die finanzielle
Belastung der Schüler/innen als recht hoch und im Grunde genommen
unzumutbar. Es könnte sogar dazu führen, dass Schüler nicht
zuletzt deswegen auf eine Wahl des Faches Sozialwissenschaften in der Klasse
9 verzichten: Angst vor einem Praktikum, für das man auch noch bezahlen
soll. Sinnvoll ist es daher, dieses Praktikum reichlich zu bezuschussen,
um die Kosten so weit wie möglich zu senken. Durch die Bereitstellung
eines Projektetats ist dies inzwischen auch geschehen. Bedauerlich ist,
dass das Landeskirchenamt das Praktikum wie eine Studien- oder Klassenfahrt
bewertet und dementsprechend keine weiteren Zuschüsse mehr gewährt.
Der o.a. Zuschuss erfolgt aus den allgemeinen Zuwendungen an die Schule.
Zuschüsse sollten in Zukunft pro teilnehmendem Schüler gewährt
werden. Eine pauschale Unterstützung ist nicht sinnvoll, da die Anzahl
der Schüler im Kurs variiert und so Ungerechtigkeiten entstehen. Zu
überlegen ist, ob der Schulverein eventuell das Praktikum unterstützen
könnte.