"Auf das Praktikum unseres SOWI-Kurses (...) habe ich mich schon vorher
gefreut. Ich wollte wissen, ob ich mit Behinderten umgehen kann, da ich
vielleicht einmal beruflich mit behinderten Kindern arbeiten möchte.
Außerdem hatte ich schon oft gehört, dass die angeblich so "unnormalen"
Menschen sehr nett und umgänglich sind.
Natürlich hatte ich auch Bedenken, wie es zum Beispiel ist, wenn
ein Bewohner des Wittekindshofes auf mich zukommt und die körperliche
Nähe sucht, mich begrüßt und umarmt, was viele dieser Menschen
tun oder ich mich bei der Arbeit mit einem alleine beschäftigen muss.
Mit behinderten Kindern zu arbeiten stelle ich mir gar nicht so schlimm
vor, aber wie wird es mit den Erwachsenen klappen? Und was ist, wenn mich
die Mitarbeiter nur als Belastung empfinden, da es ja für Leute, die
selten oder nie etwas mit Behinderten zu tun haben, schwer ist, irgendwelche
Arbeiten zu verrichten, da einem ja alles erklärt werden muss?
Aber eigentlich freute ich mich auf das Praktikum, auch wenn ich am
Mon-tagmorgen, als wir losfuhren, doch etwas gemischte Gefühle hatte.
Wie würde wohl die erste Begegnung mit den Mitarbeitern und den Behinderten
sein? Wie würde alles laufen?
Aber ich glaube, dass es doch wohl normal ist, dass einem diese Gedanken
kommen. All meine Bedenken waren verflogen, als wir endlich da waren. (...)
Dieses Praktikum hat mir sehr viel gebracht. Es hat mir gezeigt, dass
ich mit Behinderten eigentlich ganz gut umgehen kann. Ich fand es nicht
unangenehm, wenn die Bewohner auf mich zukamen, sich mit mir unterhielten
oder mich auch mal umarmten. Die Behinderten sehen manchmal etwas anders
aus und haben auch andere Gewohnheiten wie wir, aber wenn man sich auf
sie einläßt, kann man gut mit ihnen auskommen. Es ist auch ein
schönes Gefühl, wenn sie auf einen zukommen, sich ganz spontan
mit einem unterhalten und dabei immer freundlich sind.
Es ist auf dem Wittekindshof insgesamt eine lockere Atmosphäre,
denn die Menschen sind oft fröhlich und zufrieden trotz ihrer Behinderung.
Es ist schön anzusehen, wie sie sich zum Beispiel über einen
Riegel Schokolade freuen können, wo wir „normalen" Menschen oft nicht
mal danke sagen.
Mir ist auch klar geworden, dass es durchaus nicht selbstverständlich,
dass wir gesund sind. Viele Menschen sind durch den Stress (den man sich
meist selbst macht), angespannt, reizbar und unfreundlich gegenüber
ande-ren. Die Behinderten sind da meist viel ausgeglichener. (...)
Für mich waren es viele wertvolle Erfahrungen, die ich auf dem
Wittekindshof sammeln konnte. Ich finde es nun schrecklich und kann mich
nur dagegen wehren, wenn einige Jugendliche, aber auch Erwachsene über
die Bewohner und Mitarbeiter schlechte Bemerkungen machen. (...)
Ich bin dafür, dass dieses Praktikum in den nächsten Jahren fortgesetzt wird. Diese Erfahrungen sollte jeder Schüler, der das Interesse dafür hat, machen können. Es zeigt eine Menge über einen selbst und über andere Menschen, egal ob behindert oder nicht. Es ist zwar manchmal auch stressig und kostet viel Kraft, aber wenn man sich abends auf der Lutternschen Egge mit den anderen über die Erlebnisse unterhalten kann, dann sich auch eventuell negative Eindrücke im Gespräch noch zu korrigieren. Des-halb ist es gut, dass die Schüler des SOWI-Kurses bei dem Praktikum die ganze Woche zusammenbleiben.
Petra, 15 Jahre:
Ein Tag in der Physikalischen Abteilung (Physiotherapie):
An dieser Stelle möchte ich etwas eingehender einen auch für die anderen Tage typischen Tagesablauf darstellen. Dienstags fing ich um 9.00 Uhr in der Physiotherapie an. Mit Hans ging ich hinüber ins Bethanien, einem der Krankenhäuser, um Edeltraud abzuholen. Edeltraud lebt auf der geschlossenen Station. Das hieß also auf-schließen, reingehen, abschließen. Dieser Akt sollte für mich in den nächsten Tagen zur Gewohnheit werden. Zuerst jedoch drängte sich mir hier der Gedanke an ein Gefängnis auf, bis ich schließ-lich einsah, dass das alles ja nur der Sicherheit der Patienten dient. Hans und ich fanden Edeltraud im Aufenthaltsraum, wo wir gleich von allen stürmisch begrüßt wurden. Als erstes wollte Edeltraud wissen, wer ich denn sei und woher ich käme. Als ich ihr al-les zu ihrer Zufriedenheit beantwortet hatte, wollte sie endlich auch mit uns mitkommen. Hans zeigte mir, wie ich Edeltraud unter-packen sollte. Auf dem Weg zurück ermahnte Hans immer wieder Edeltraud, sie solle langsam gehen und vor allem gerade - wegen ihrer Wirbelsäule. Nachdem wir in der Physio angekommen waren, sollte sie dann eine halbe Stunde im Gehbarren laufen. Der Gehbarren sieht grundsätzlich aus wie ein normaler Barren, nur dass am Boden Einteilungen, gewissermaßen kleine "Hürden", angebracht sind, die der Patient beim Gehen überwinden muss. So wird er gezwungen, die Beine zu heben, was diese natürlich trainiert und dem Patienten die Lauffähigkeit erhält, verbes-sert oder wiederherstellt. Nach zwanzig Minuten verlor Edeltraud die Lust und setzte sich auf eine Eckbank. Ich mußte ihr Bauklötze bringen und dann fing sie an, Häuser und Türme zu bauen. Dabei erzählte sie Geschichten. Um 10.30 fragte mich Hans, ob ich mir zutrauen würde, Edeltraud alleine zurückzubringen. Ohne dass ich viel sagen konnte, wurden mir auch schon die Schlüssel in die Hand gedrückt und Edeltraud wurde mit einem Schmunzeln verkündet: "Schwester Silke bringt dich jetzt zurück!" Also nahm ich mir Edeltraud und marschierte los. Zu meiner eigenen Verwunderung klappte das sehr gut.
Meine "Patientin":
Alter: 55 Jahre
Behinderungsart: frühkindlicher Hirnschaden
Ursachen: Sauerstoffmangel bei der Geburt
Folgen: Lähmung der rechten Hand, Wirbelsäulenschaden,
geistige Verwirrung
Therapien: Bewegungstherapie (Gymnastik f. Wirbelsäule u.
Hand), Beschäftigungstherapien
Hilfsmittel: keine besonderen
Interessen, Vorlieben: spielt gerne mit Bauklötzen, erzählt
Geschichten
Begabungen, Wünsche: Möchte gerne noch mal in die ehemalige
DDR
Unterbringung/pers. Umfeld: Krankenhaus Bethanien
Anmerkungen: Mit Edeltraud hatte ich in den paar Tagen viel Spaß, da sie immer viele lustige Geschichten erzählte. Dass diese lustig waren, war ihr anscheinend gar nicht bewusst. Ich habe sie in der ganzen Zeit nie mit schlechter Laune gesehen.
Als ich zurückkam, war Frau Meister da. Hans stellte mich kurz vor und begann dann mit der Gedächtnistherapie. Er nannte Frau Meister Begriffe und sie mußte ihm dann sagen, was sie sich darunter vorstellte. Frau Meister hatte nämlich einen Schlaganfall und vergisst alles, sie kann sich nichts mehr merken. Sie ist erst 49 Jahre alt und war Hausfrau. Zum Beispiel sagte Hans: "Spiegel". Frau Meister antwortete darauf: "Der Spiegel müsste mal geputzt werden." Inzwischen kann sie sogar die "Glocke" und "Der Mond ist aufgegangen" aufsagen. Danach sollte ich ihr Bälle zuwerfen, die sie auffangen mußte. Dies diente dazu, ihre Beweglichkeit wiederherzustellen, denn durch den Gehirnschlag war auch ihre rechte Seite gelähmt worden. Wenn wir sie im Bethanien abholten, begrüßte sie uns immer mit: "Ich bringe euch alle um!" Das war natürlich ihre Art, Spaß zu machen. Manchmal ärgerte sie sich allerdings auch, wenn sie immer wieder dasselbe gefragt wurde. Ihre Vergesslichkeit war wirklich sehr groß, z.B. konnte sie sich nie merken, wie alt ich war. Sie meinte immer, ich sei 45 Jahre alt.
Nach der Mittagspause holten Michael, ein anderer Mitarbeiter und ich Herrn Finding ab. Mit ihm habe ich dann erst einmal "Mensch ärgere dich nicht" gespielt. Dabei hat er mich immer geschlagen! Herr Finding ist etwas über 50 Jahre alt, körperlich behindert und geistig verwirrt. Bis zu seinem Autounfall war er ganz normal. Er wurde von einem Auto überfahren und dabei erlitt er einen Hüftschaden. Man begegnet seinen Behinderungen mit Bewegungstherapien und Beschäftigungstherapien. Außer "Mensch ärger dich nicht" spielt er noch gerne Fußball und geht gern spazieren.
Am Nachmittag erlebte ich erstmals die Schmetterlingswanne "in Aktion". Knut war spastisch gelähmt und konnte nicht sprechen. Die Schmetterlingswanne ist so konstruiert, dass die Therapeuten von allen Seiten bequem an den Patienten herankönnen. Um ihn in die Wanne zu bringen, gibt es eine spezielle Vorrichtung. Die Wanne enthält 37 Grad warmes Wasser und hilft dabei, die Muskulatur zu entspannen. Außerdem ist der Körper so vom Eigengewicht entlastet, weshalb Bewegungen entschieden leichter fallen. Ich sollte mich neben Knut stellen, ihn bei den Händen nehmen und leicht im Wasser hin- und herbewegen. Außerdem sollte ich ihm alles, was mir gerade so einfiel, erzählen. Zu meinem Unbehagen stellte ich fest, das der Therapeut, Michael, mich allein ließ und im Nebenraum verschwand. Was sollte ich also tun? Ich begann Knut alles mögliche zu erzählen. Erst allgemeine Dinge, dann lustige Dinge über meinen kleinen Neffen. Ich stellte fest, dass seine Gesichtszüge sich veränderten, wenn ich etwas Lustiges erzählte.
...Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt zurückdenke, so bin ich wirklich froh darüber, dass ich das Praktikum mitgemacht habe. Erstens konnte ich meine Vorurteile gegenüber behinderten Menschen abbauen. Ich habe erlebt, dass sie in ihrer Art einem unheimlich viel geben können. Sie hatten mir gegenüber keine Vorbehalte, sondern haben mich freundlich aufgenommen in den paar Tagen. Zweitens hat mir das Praktikum geholfen mich für eine therapeutische Ausbildung zu entscheiden. Vielleicht werde ich später nicht viel mit geistig Behinderten zusammentreffen, doch dieses Praktikum hat mir gezeigt, dass ich absolut keine Hemmungen vor diesen Menschen haben muss. Vor dem Praktikum habe ich Behinderte bemitleidet oder sie waren mir ein wenig unheimlich, doch ich mußte sehen, dass sie Mit-leid am wenigsten brauchen. Ihnen reicht es, wenn man sie so ak-zeptiert, wie sie sind - und was anderes wollen wir ja schließlich auch nicht!...(Rita 15 J.)
...das zweite Vorkommnis war eher eine Art Erfolgserlebnis für mich, denn ein Behinderter in meiner Werkstattgruppe, der es bis dahin nicht fertiggebracht hatte, sich selbst die Tüte zu nehmen und die Rollen hineinzupacken, lernte es schließlich doch noch, nachdem ich ihm stundenlang unter allerlei gut Zureden versucht hatte, es ihm beizubringen. Dies mag sich vielleicht lächerlich anhören, aber bei den Behinderten, die sich "schlimmer" als Zwei-jährige benehmen, war dies doch ein großer Erfolg für ihn und mich...(Lars, 15 J.)
... Vor dem Praktikum hatte ich noch gar keine Erfahrungen mit Behinderten. Und ich hatte auch überhaupt keine Lust, dieses Praktikum zu absolvieren. Ich hatte auch Angst davor oder sogar Ekelgefühle bei dem Gedanken, einen Behinderten zu berühren. Und ich hatte auch Angst, etwas bei dem Kontakt mit Behinderten etwas falsch zu machen...Mein Ekel vor der Berührung wurde gleich am ersten Tag im Büro des Betreuers zunichte gemacht, denn eine Spastikerin betrat das Büro und wollte von jedem um-armt werden und es war nicht mal halb so schlimm, wie ich dachte. Es war zwar auch nicht total angenehm, denn es war ungewohnt, aber es war toll zu spüren, wie die Behinderte sich freute...(Andreas, 16 J.)
...hat sich meine Einstellung vollkommen geändert. Anstatt Abnei-gung, Ekel oder Angst empfinde ich jetzt Zuneigung und habe auch keine Angst vor Berührungen...(Lars, 15 J.)
... Vor dem Praktikum dachte ich, dass es für mich nicht sinnvoll sei, eine Woche auf dem Wittekindshof zu sein. Nach dem Praktikum wusste ich jedoch, dass man unbedingt eine solche Erfahrung machen sollte. Ich habe meine Meinung dazu geändert. Die Erfahrungen, die ich auf dem Wittekindshof sammeln konnte, waren für mich nicht unwichtig. Denn gerade vom Umgang mit behinderten Menschen wusste ich nichts. Ich mußte mich mit behinderten Kindern verständigen, die nicht sprechen konnten und was nicht immer einfach für mich war. Ich machte jedoch auch die Erfahrung, dass es dort Menschen gibt, denen man die Behinderung fast nicht anmerkt und mit denen man sich ganz normal unterhalten kann.(...) Ich sehe es für wichtig an, wenn viel mehr Menschen einen Einblick in die Arbeit und den Umgang mit Behinderten bekommen könnten. Dadurch würden viele Vorurteile, die viele Menschen gegenüber Behinderten haben, abgebaut. (Kevin 16 J.)